Die DFB-Elf zaubert beim 6:1 gegen Aserbaidschan und verbannt nebenbei eine Weisheit des gegnerischen Trainers ins Reich der Fabel. Wäre am Ende nicht noch die lästige K-Frage aufgetaucht, hätte es ein Abend in harmonischer Vollendung werden können.
"Es gibt keine Kleinen mehr im Weltfußball." Das war eine der vermeintlichen Fußball-Wahrheiten, die Berti Vogts in den 90er Jahren in seiner Ära als Bundestrainer immer dann strapazierte, wenn die DFB-Kicker sich wieder Mal gegen einen Fußballzwerg mehr schlecht als recht abgemüht hatten.
Gestern Abend saß der Aserbaidschan-Coach nach einem für seine Mannschaft aussichtslosem Spiel zerknirscht den Journalisten gegenüber. Er musste sich fragen lassen, ob sich sein Team im Vergleich zur letzten Begegnung mit den Deutschen vor fast genau einem Jahr (0:4) gesteigert hätte. Hatte es nicht. Im Gegenteil: der Leistungsunterschied zwischen dem Vierten und dem 105. der Weltrangliste ist seit gestern Abend noch größer geworden.
Ja, es gibt sie eben doch noch: die so Genannten Kleinen. Es ist Ironie des Schicksals, dass Berti Vogts nun ausgerechnet als Trainer des Fußballzwergs Aserbaidschan diese bittere Erkenntnis machen muss. Das Los der Kleinen wird nämlich immer dann sichtbar, wenn die Großen ihr wahres Potenzial abrufen. Das war früher in der Vogts-Ära (1990 - 1998) bei deutschen Nationalmannschaften, die klarer Favorit waren, oft nicht der Fall. So blieb Vogts gestern in Köln nicht viel anderes übrig, als die Superlative der DFB-Elf 2010 zu Lob preisen. "Wir haben gegen die derzeit vielleicht stärkste Mannschaft der Welt verloren."
Den Grund für die Abfuhr, die bei besserer Chancenverwertung der deutschen Mannschaft leicht zweistellig hätte ausfällen können, sah er beim Gegner: "Das war eine ganz andere deutsche Mannschaft als vor einem Jahr. Sie spielten viel aggressiver als damals und ihr Passspiel war noch stärker." Doch sowohl die Stärke der Deutschen als auch den Ramadan-Monat September wollte Vogts nicht als Ausrede für die mutlose Vorstellung seiner Spieler gelten lassen und kündigte Gespräche an. "Selbst gegen einen solchen Gegner erwarte ich ein anderes Auftreten", so Vogts empört.
Auch Joachim Löw war sichtlich angetan von der "Spiel- und Kombinationsfreude" seiner Elf, die selbst nach dem 4:0 noch weiter Druck auf den Gegner ausgeübt hatte. Der guten Laune von Löw schien so rein gar nichts abträglich zu sein. Ja wenn da nur nicht wieder diese eine Frage gewesen wäre: Kehrt Michael Ballack im Oktober zu den Spielen gegen die Türkei und Kasachstan in den Kader zurück? Bei diesem Thema reagierte Löw leicht unwirsch: "Ich glaube, Ballack ist heute nicht das Thema." Dass er aber selbst an einem solchen Abend ein Thema ist, dafür hat Ballack höchstpersönlich gesorgt, nämlich durch sein Fernbleiben vom Spiel.
Dass der nur unweit von Köln wohnende Stamm-Kapitän der DFB-Elf sich nicht zeigte, nährt zumindest neue Spekulationen um seinen Rücktritt und stellt das Geheimtreffen von Montag mit Bundestrainer Löw in ein neues Licht. Ballacks vorab in den Ring geworfene Begründung, er würde der Mannschaft mit seiner Präsenz im Stadion womöglich die Aufmerksamkeit stehlen, wirkt nicht sehr überzeugend. Vielmehr macht der 33-Jährige, der sich seit über einer Woche nicht mehr öffentlich äußert, einen zunehmend verunsicherten Eindruck ob seiner ungewissen Zukunft im DFB-Team.
Dass er unangenehmen Fragen aus dem Weg gehen will, ist verständlich. Vielleicht fürchtet er aber auch die entlarvenden Aufnahmen der TV-Kameras, die in scheinbar unbeobachteten Momenten seine enttäuschten Blicke einfangen. So wie etwa in Südafrika, als er dem glamourösen Viertelfinalsieg gegen Argentinien als zuweilen nachdenklicher Zaungast beiwohnte.
Was auch immer seine Beweggründe sind: Nach der Glanznummer gegen Aserbaidschan wird Michael Ballacks Rückkehr ins Team schwieriger als je zuvor.
Deutschland: Neuer - Riether, Mertesacker (11. Westermann), Badstuber, Lahm - Schweinsteiger (78. Cacau), Khedira, Müller (62. Marin), Özil, Podolski - Klose
Aserbaidschan: Agajew - Medwedew, R. F. Sadigow, Yunisoglu (56. Huseynow), Malikow - Allahwerdijew, Schukurow - Abbasow, Tschertoganow (64. R. A. Sadigow), Nadirow (85. Abdullajew) - Jawadow
Schiedsrichter: Markus Strömbergsson (Schweden)
Zuschauer: 43.751
Tore: 1:0 Westermann (28.), 2:0 Podolski (45.+1), 3:0 Klose (45.+2), 4:0 R.F. Sadigow (53./ET), 4:1 Malikow (57.), 5:1 Badstuber (87.), 6:1 Klose (90.+2)