Die Griechen fahren zur WM, Otto Rehhagel bleibt definitiv bis zum Sommer 2010 Nationaltrainer, und der Staatschef gratuliert. In Griechenland ist die Fußballwelt nach dem 1:0-Sieg in der Ukraine wieder in Ordnung.
Ihm kann keiner was vormachen. Aris Nikolakis hat in den letzten dreißig Jahren schon alles erlebt, was ein Journalist erleben kann. Von etlichen Welt- und Europameisterschaften hat er selbst berichtet, nun leitet er Griechenlands staatlichen Sportradiosender "ERA Sport". 24 Stunden pro Tag berichten seine Mitarbeiter über das Sportgeschehen in Hellas und aus aller Welt.
Das Play-Off-Spiel Ukraine - Griechenland verfolgt Nikolakis vor dem Fernseher in seinem Büro. "Du wirst sehen", sagt er vor dem Anpfiff, "wenn Otto heute gewinnt, ist er wieder einmal unser Gott. Dann verstummen plötzlich genau diejenigen, die ständig über diesen ach so alten, starrköpfigen Mann auf der Trainerbank, seine unsägliche Mauer-Taktik und ich weiß nicht noch was maulen."
Gut 90 Minuten später hat Griechenland mit 1:0 gewonnen. Das reicht, um das ersehnte WM-Ticket zu lösen. Für Hellas ist es erst die zweite WM-Teilnahme nach 1994, für Rehhagel selbst die allererste WM. Kein Wunder, dass er gleich nach dem Schlusspfiff von seinen Spielern in die Donezker Luft geworfen wird.
Die Stimme von Nikolakis' Mann vor Ort überschlägt sich. "Das ist wunderbar, ich danke Rehhagel und den Spielern, dass ich dieses Spiel übertragen durfte. Guten Morgen, Südafrika", schreit der Reporter in sein Mikrofon.
Ein Journalist aus der Ukraine wagt die provokante Frage, ob Rehhagel seine Griechen auch bei der WM so defensiv agieren lassen werde. Rehhagel kontert: "Würde ich einen Kaka, Messi oder Xavi in der Mannschaft haben, würden wir totale Offensive spielen."

Rehhagel ist an diesem nasskalten Abend in Donezk besonders von der Hingabe seiner Schützlinge angetan. Zu Recht. Nachdem Rehhagel schon drei Mal gewechselt hat, verletzt sich zwanzig Minuten vor Spielende bei den ohnehin "mit dem letzten Aufgebot" (O-Ton Rehhagel) spielenden Hellenen der Abwehrhüne Vangelis Moras. Moras hielt humpelnd bis zum Abpfiff durch.
Fest steht nun: Dank der WM-Teilnahme verlängert sich Rehhagels mit einem Netto-Jahresgehalt in Höhe von 1,2 Millionen Euro dotierte und sonst Ende 2009 auslaufende Vertrag automatisch bis zum Sommer 2010. Die zuletzt ausgerechnet von Verbandskreisen gestreuten Gerüchte, wonach dem eigenwilligen Mann wegen seines sturen Festhaltens an einer unattraktiven Spielweise sogar im Falle der WM- Teilnahme der Laufpass gegeben worden wäre, zerstreute Verbandsboss Sofoklis Pilavios unmittelbar nach dem Triumph in Donezk."Natürlich fahren wir mit Rehhagel nach Südafrika. Er hat uns bis hierher gebracht, mit ihm machen wir weiter."
Einer der ersten Gratulanten war Griechenlands Staatspräsident Karolos Papoulias. Der sportbegeisterte Staatschef verbreitete nicht nur via Telegramm, dass Rehhagel und Co. "die Griechen wieder stolz gemacht haben". Papoulias rief auch Mannschaftskapitän Georgios Karagounis (Panathinaikos) auf dem Handy an.
In Athen lehnt sich Nikolakis nach einem langen Arbeitstag zufrieden in seinem Bürostuhl zurück. Gerade stehen Ex-Nationalspieler, Prominente und Politiker am anderen Ende der Telefonleitung Schlange, um in der Sendung die Leistungen des Rehhagel-Teams in höchsten Tönen zu loben.
Und irgendwann hat auch Nikolakis Feierabend. "Weißt du, was das schlimmste ist?", sagt er zum Abschied. "Hätten wir verloren, hätten die gleichen Leute heute Abend an Rehhagel kein gutes Haar gelassen. Das ist das, was ich meine. 90 Minuten haben gereicht - und er ist wieder unser Gott."