Eine Lehrstunde bekamen die Münchner Bayern vor zwei Wochen im Champions-League-Spiel gegen Girondins Bordeaux verpasst. Im Heimspiel gegen die Franzosen am Dienstag müssen sie gewinnen - und dabei auf einen Mann ganz genau aufpassen: Yoann Gourcuff.
Die Franzosen sehen den 23 Jahre alten Bretonen schon als Nachfolger für Zinedine Zidane. Erst galt Samir Nasri (FC Arsenal) als das neue Juwel, doch zahlreiche Verletzungen verhinderten bisher den Durchbruch des gebürtigen Marseillais. Dann wurde immer öfter Bayerns Franck Ribéry mit Zizou verglichen. Ribéry wollte sich diesen Schuh aber nicht anziehen. Zidane sei schließlich sein Idol, sagte Ribéry, und außerdem ein völlig anderer Spielertyp.
So befürchtete man in Frankreich, dass Zidanes Abgang wohl für immer nicht zu kompensieren sei. Bis Yoann Gourcuff aus dem Nichts kam. Wie Zidane spielt er als klassischer Zehner hinter den Spitzen. Außerdem pflegt er eine ähnliche Technik wie Zidane, ist ebenso schüchtern und zurückgezogen, und lässt lieber Taten folgen.
Und er schießt die Elfmeter genauso frech wie Zidane, mit dem Unterschied, dass er es manchmal übertreibt. So wie vor zwei Wochen bei seinem Lupfer gegen die Bayern, als er an Jörg Butt scheiterte.
Die Karriere des Yoann Gourcuff, der von seinem Vater (heute Trainer beim Erstligisten FC Lorient) gefördert wurde, begann eher durchwachsen: In Lorient und in Rennes glänzte er zunächst dank seines technischen Könnens. Der AC Mailand nahm ihn 2007 unter Vertrag. Da war Gourcuff noch keine 20. Doch in der Lombardei kam er über die Rolle des ewigen Reservisten nicht hinaus und wurde zwei Jahre später an Girondins Bordeaux ausgeliehen.
Als verlorene Zeit empfindet Gourcuff die Zeit in Italien aber keineswegs: "Beim AC Milan habe ich unheimlich viel gelernt. Dort arbeitet man sehr hart, vor allem im technischen Bereich. Jetzt profitiere ich von dieser Periode", sagt Gourcuff im Gespräch mit ZDFonline.
Seine Kreativität, seine Eleganz am Ball und seine Weltklasse-Tore haben dazu geführt, dass Girondins vor fünf Monate seine erste französische Meisterschaft seit zehn Jahren holte und somit der Vorherrschaft von Olympique Lyon (sieben Mal in Folge Meister) ein Ende setzte.
Danach war klar: Bordeaux wollte Gourcuff mit aller Macht kaufen. Was auch gelang, allerdings zu einem hohen Preis: 15 Millionen Euro Ablöse plus ein fürstliches Gehalt. Die Bordelais hatten alles auf eine Karte gesetzt, denn nun fehlte für weitere Einkäufe das Geld.
Doch die Rechnung ging auf. Gourcuff spielt seit Monaten in Top-Form. Sein Team ist nach elf Spieltagen an der Spitze der Ligue 1, und in der Champions League hat die Elf von Trainer Laurent Blanc nach dem hochverdienten 2:1-Heimsieg gegen den FC Bayern vor zwei Wochen gute Chancen, zum ersten Mal in seiner Geschichte ins Achtelfinale einzuziehen. "Es war verdammt wichtig, gegen die Münchner zu Hause zu gewinnen", sagte Gourcuff.
"Wenn wir aus der Allianz-Arena etwas mitnehmen könnten, würde es sehr gut für uns aussehen. Aber wir müssen höllisch aufpassen, denn die Bayern stehen unter Druck. Das ist gefährlich." Die Tatsache, dass den Bayern Franck Ribéry am Dienstagabend fehlt, sieht Gourcuff als Vorteil, "denn die Bayern sind von ihm abhängig." Doch er fürchtet auch: "Bei denen kann jeder ein Tor schießen."
In der Gruppe A der Champions League erwartet Gourcuff einen Dreikampf um die ersten beiden Plätze mit Juventus, Bayern und Bayern. Die nächsten Wochen werden Gourcuff also einiges abverlangen, auch weil er mit der französischen Nationalmannschaft in der WM-Relegation auf die starken Iren trifft. Als Abschluss dieses Jahres ist es gut möglich, dass er zum ersten Mal zum französischen Fußballer des Jahres gewählt wird - als Nachfolger von Franck Ribéry.
FC Bayern München: Butt - Lahm, Demichelis, Badstuber, Braafheid - van Bommel - Timoschtschuk, Pranjic - Schweinsteiger - Klose, Toni
Girondins Bordeaux: Carrasso - Chalmé, Ciani, Planus, Trémoulinas - Fernando, Diarra - Plasil, Gourcuff, Wendel - Chamakh
Schiedsrichter: Proença (Portugal)