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09. Februar 2012
 

Sport

 
Hertha BSC Berlin Fans flüchten zum Fanblock. Quelle: imago/City-Press
Die Gewalt in Stadion hat zugenommen.

Fußball - Fanprojekte

Was tun gegen Fan-Gewalt?

Die Koordinationsstelle Fanprojekte bemüht
sich, negative Auswüchse zu verhindern

von Florian Zerfaß

In der vergangenen Fußball-Saison haben die Fans so oft wie selten zuvor für negative Schlagzeilen gesorgt. Die Koordinationsstelle Fanprojekte versucht, Gewalt in Stadien vorzubeugen - und fordert eine Intensivierung der Präventionsarbeit.

 
 
 

Zitat

„Wir sähen gerne mehr Engagement im Bereich der Prävention.“

Michael Gabriel, Leiter der Koordinationsstelle

Ob Pyrotechnik oder massive Ausschreitungen: Fußballfans haben das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) in der zurückliegenden Saison außerordentlich beschäftigt. "Wir hatten diesmal sehr viel mit den Zuschauern zu tun", sagt der Vorsitzende des Gremiums, Hans E. Lorenz, gegenüber sport.zdf.de.

 
Bundesliga - AWD-Arena Hannover - Fans. Quelle: imago/Contrast
imago/Contrast
Liebe zum Verein: Tolle Choreografie im Stadion zu Hannover
 

Faire Saison

"Auf dem Platz hatten wir die fairste Saison seit Einführung der Bundesliga mit den wenigsten Fouls, den wenigsten Freistößen und den wenigsten Platzverweisen. Die Zuschauerausschreitungen aber haben zugenommen", so Lorenz weiter.

Diese negativen Auswüchse zu verhindern, ist das Ziel der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS), die am Donnerstag ihren Sachbericht 2010 vorgestellt hat. "Wir sähen gerne mehr Engagement im Bereich der Prävention", sagt Michael Gabriel, der Leiter der KOS. "Sicherheit kann man nur mit den Fußballfans gemeinsam gestalten."

 

Infobox

Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS)

Sie wurde 1993 im Zuge des Nationalen Konzepts Sport und Sicherheit (NKSS) eingerichtet. Die KOS ist bei der Deutschen Sportjugend in Frankfurt am Main angesiedelt und koordiniert die Zusammenarbeit zwischen 47 Fanprojekten an 42 Fußballstandorten in Deutschland, von der Bundesliga bis zur Oberliga.

Michael Gabriel. Quelle: Michael Gabriel
Michael Gabriel
Michael Gabriel, Leiter der KOS

Ausschreitungen oft vermeidbar

Ausschreitungen seien oft vermeidbar, zum Beispiel durch bessere Abstimmung mit der Polizei. "Sie werden am Bahnhof abgeholt und zum Stadion geschleust, können sich dabei noch nicht einmal was zu trinken kaufen und müssen dann oft noch lange vor den Stadiontoren warten, bis sie rein dürfen." So beginnt sich schon der erste Frust zu entwickeln. "Fußballfans müssen als Gäste behandelt werden", fordert Gabriel.

Fanforscher Gunter A. Pilz (Leibniz-Universität Hannover) berichtete von erstaunlichen Erfahrungen, der er beim Fanprojekt in Hannover gemacht hat. Selbst bei Risikospielen könne die Polizeipräsenz durch den Einsatz von Konfliktmanagern um ein Viertel verringert werden. "Früher waren da 800 bis 1000 Beamte im Einsatz, heute sind es 250 - und es passiert weniger." Hannover 96 ist übrigens eine der sechs Mannschaften, die in der Saison 2009/10 keine Strafe für ein Fehlverhalten ihrer Fans bekamen.

Zitat

„Repression und Willkür verstärken die Feindbilder gegen die Polizei.“

Gunter A. Pilz, Fanforscher

Schlüsselwort Kommunikation

Kommunikation lautet das Schlüsselwort in der Konfliktvermeidung. "Repression und Willkür verstärken die Feindbilder gegen die Polizei", sagt der Sportsoziologe. In Hannover geht man daher in Abstimmung mit Verein, Behörden und Fans einen anderen Weg. "Die Polizei hält sich im Hintergrund und setzt Konfliktmanager ein, die die Fans bei Problemen auffordern, diese selbst zu lösen. Erst wenn das nicht geschieht, greifen die Polizisten ein", erläutert Pilz das Konzept.

Gabriel setzt ebenfalls darauf, die Fans mit einzubinden. "Wenn man ihnen Verantwortung übergibt, zahlen sie mit Zuverlässigkeit zurück", sagt der Praktiker, "das stärkt diejenigen, die die anderen zurückhalten und beruhigen, bevor eine Situation eskaliert." Neben Gewaltprävention stehen auch Aktionen gegen Rechtsextremismus und Rassismus sowie gegen Homosexuellenfeindlichkeit im Fokus der Fanprojekte.

 

Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche

Er weist aber auch auf Probleme in der sozialen Arbeit mit Fußballfans hin. Die Fördersumme für die 47 Fanprojekte - die unabhängig von den Vereinen und der Polizei sind - beträgt inzwischen 5,9 Millionen pro Jahr. Zu je einem Drittel finanzieren die Kommunen, die Bundesländer sowie der DFB gemeinsam mit der Deutschen Fußball-Liga (DFL) den Fördertopf. "Das sieht auf den ersten Blick viel aus", sagt Gabriel, "aber das verteilt sich auf 47 Projekte. Beim Personal fehlen rund 23 Stellen."

 

Zudem warnt Gabriel vor überhöhten Erwartungen. "Prävention alleine kann auch nicht alle Probleme lösen." Lorenz sieht eine Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche als den richtigen Weg an. "Wir müssen uns überlegen, welche Strategien wir für die neue Saison anwenden. Geldstrafen für Vereine und der Ausschluss von Zuschauern sind nicht der Weisheit letzter Schluss." Er betont, dass man die Randalierer individuell zur Verantwortung ziehen sollte - zum Beispiel, indem die Vereine Regress fordern, wenn sie vom DFB zu einer Geldstrafe verurteilt worden sind.

 

Infobox

Saison 2009/2010

Fünfmal verhängte das Sportgericht im zurückliegenden Jahr in der ersten und zweiten Bundesliga die härteste Strafe, zu der es bislang nach Fan-Krawallen gegriffen hat: Zuschauersperren. Die Bundesligisten 1. FC Köln und 1. FC Nürnberg sowie Zweitligist Hansa Rostock mussten ohne ihre Fans zu Auswärtsspielen reisen, Hertha BSC Berlin (1. Liga) und 1860 München (2. Liga) durften bei Heimspielen nicht mehr als 25.000 Tickets verkaufen. Geldstrafen wegen Fan-Fehlverhalten erhielten zwölf von 18 Erstligisten und 13 der 18 Zweitligisten - manche Vereine wurden mehrfach bestraft.

 
 
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