
Brasiliens Frauenfußball-Nationalmannschaft hat ein Problem. Im Land des fünffachen Männer-Weltmeisters steckt der Frauenfußball in den Kinderschuhen. Keine Liga, schwache Strukturen. Die Vize-Weltmeisterinnen fordern, vom brasilianischen Verband endlich ernst genommen und gefördert zu werden.
Die Bestätigung kam aus dem Land des Rivalen: Marta, die Unvollendete, die geniale brasilianische Ballkünstlerin, wurde mit Lobeshymnen geradezu überschüttet. Keine Kritik an ihrer vermeintlichen Verspieltheit oder dem Hang zum Spektakel. Nein, Brasiliens weiblicher Weltstar führe den Weltfußball in neue Dimensionen, überschlugen sich die Medien in Deutschland.
"Wenn die das schon sagen, beweist das doch nur, dass wir die Leistung unserer Heldinnen nicht durch die rosarote Nationalbrille beurteilt haben", reagierten die brasilianischen Fachjournalisten, die ihre Mannschaft verbal auf den Schultern trugen.
Der Frauenfußball, im Lande des fünffachen Männer-Weltmeisters erst seit wenigen Jahren überhaupt wahrgenommen, ist am Ziel seiner ersten Etappe. Der zweite Platz bei der WM in China soll aber noch längst nicht das Ende des Weges sein.
Auch nicht für die Weltfußballerin Marta, die gerade erst am Anfang einer großen Karriere steht. "Wenn wir jetzt nicht an den Strukturen in unserem Land arbeiten, verschwinden wir erneut in der Versenkung. Nach dem Gewinn der Olympischen Silbermedaille in Athen wurde uns alles mögliche versprochen, aber nichts davon eingehalten", legte die Stürmerin den Finger in die Wunde. "Brasilien, wir brauchen Unterstützung", stand auf einem Spruchband, das die Finalistinnen zur Siegerehrung mitgebracht hatten.
Und der Brasilianische Fußballverband hatte kurz vor dem Finale gegen Deutschland reagiert: Zwar gibt es nach wie vor keine brasilianische Liga, stattdessen soll ein Pokalwettbewerb - vergleichbar mit dem DFB-Pokal - eingeführt werden. Bis Ende Oktober und mit Hilfe von Bundesgeldern soll das realisiert werden, kündigte Verbandspräsident Ricardo Teixeira an. "Unverschämt!", reagierten Verantwortliche aus dem Kreis der brasilianischen Frauen-Nationalmannschaft. "Immer wenn wir erfolgreich sind, wird diese Schallplatte aufgelegt. Das war in Athen so und jetzt ist das nicht anders. Haben wir Erfolg, kommen die Trittbrettfahrer aus allen Ecken."
Harte Kritik, die nicht von ungefähr kommt. Trotz ihrer Welterfolge müssen Brasiliens Fußball-Ladies in ihrer Heimat praktisch ohne Strukturen zurechtkommen. Lediglich jene Stars, die im Ausland ihr Brot verdienen, können sich weiterentwickeln. Die Nationalmannschaft trifft sich nur vor wichtigen Turnieren - der Reifeprozess, besonders im taktischen Bereich, bleibt dabei auf der Strecke. Lehrgänge oder Freundschaftsspiele werden ganz selten realisiert und das, obwohl Brasilien über fantastische Einzelspielerinnen wie Marta oder Formiga verfügt.
Gern zitieren Fachjournalisten das Beispiel Volleyball: Dort gelang es Brasilien in den vergangenen drei Jahrzehnten zur Topnation aufzusteigen, bei den Frauen und Männern. Orientiert am damaligen Spitzenniveau in der Sowjetunion wurde ein ständiger Austausch realisiert und nach anfänglichen Ohrfeigen überholten die brasilianischen Schüler schließlich ihre Lehrmeister und später alle anderen weltweiten Konkurrenten.
Gut möglich, dass Brasilien, was den Frauenfußballball anbelangt, Deutschland als Vorbild nehmen könnte. Deren Organisationstalent, taktische Disziplin und kollektive Stärke waren beim Finale am Sonntag einmal mehr deutsch und könnte genau jenes Quäntchen sein, dass Brasiliens Frauen zur Weltvorherrschaft im Fußball noch fehlt. "Wenn wir ohne Strukturen so weit gekommen sind, wie weit könnten wir dann erst kommen, wenn wir unter professionellen Strukturen arbeiten?", fragte Marta die brasilianischen Journalisten.
Für viele Brasilianer und vor allem Brasilianerinnen, aber auch für die Fachpresse waren Marta und Co. aber schon diesmal Gewinnerinnen. "Sie haben das Unmögliche geschafft und dem Verband gleichzeitig bewiesen, dass sie auch ohne dessen Inkompetenz und Ignoranz in der Lage sind, Großes zu leisten", so der Tenor der Sportjournalisten.