Alles, nur kein zweites Helsinki: Die DFB-Elf macht vor den ersten Pflichtspielen gegen Belgien und Aserbaidschan auf Understatement. Oberstes Gebot: Kein Ausrutscher wie vor zwei Jahren am ersten Doppelspieltag zur WM-Quali in Finnland (3:3).
Von einer neuen Vision für die nächsten beiden Jahre war in den vergangenen Tagen die Rede. Mit ihr will der Trainerstab die Mannschaft auf den Ausscheidungsmarathon für die EM 2012 einschwören. Doch der Begriff, der so bedeutungsschwanger daherkommt und sich auf eine in die Zukunft ausgerichtete Vorstellung bezieht, ist in diesem Fall irreführend. In Wahrheit handelt es sich nicht um eine Vision. Vielmehr geht es darum, einen Ist-Zustand zu konservieren.
Um das nächste sportliche Ziel zu schaffen, will die Nationalelf nämlich genau "dort anknüpfen, wo sie zuletzt mit dem dritten Platz bei der WM in Südafrika aufgehört hat", so Co-Trainer Hansi Flick. Erreichen soll sie das auch mit Hilfe hergebrachter Mittel aus der psychologischen Trickkiste.
Dem Vernehmen nach zielt die Ansprache von Joachim Löw im Kern darauf ab, das Team daran zu erinnern, dass die starken Leistungen am Kap kein Selbstläufer für die kommenden Aufgaben sind. Und dass sich die Mannschaft ihre spielerische Leichtigkeit immer wieder "hart erarbeiten muss", gehört zwar vordergründig zu den Floskeln der Fußballersprache, trifft aber umso mehr das Gebot der Stunde. "Wir können uns für die Erfolge von Südafrika nichts mehr kaufen", betonen Co-Trainer Hansi Flick und Vertreter-Kapitän Philipp Lahm kurz vor Anpfiff einhellig.
Ein kräftiger Tritt auf die Euphoriebremse. Die Jubelbilder von Südafrika müssen erst mal aus den Köpfen der jungen Himmelsstürmer, der Blick für die Gegenwart die Oberhand gewinnen. Löw und sein Stab drücken sinnbildlich die Reset-Taste bei den Spielern. Was sich nach außen als Vision tarnt, ist in Wirklichkeit eine Gehirnwäsche der leichteren Art.
Der fast schon in Vergessenheit geratene Ausrutscher gegen Finnland im September 2008 dient dem deutschen Trainergespann als warnendes - und damit willkommenes - Beispiel dafür, was passiert, wenn man den Gegner auf die leichte Schulter nimmt. "Die Ausgangssituation ist diesmal wieder ähnlich", sagt Hansi Flick. Damals ließ sich vor allem die sorglose deutsche Innenverteidigung ein ums andere Mal düpieren. Mittendrin stand Heiko Westermann, der auch heute Abend zentral verteidigen könnte. Allein die Treffsicherheit von Dreifachtorschütze Miroslav Klose bewahrte die DFB-Elf damals vor einer Riesenblamage gegen die kessen Finnen.
Die Ausgangssituation ist vor dem Spiel gegen den 48. der Weltrangliste durchaus vergleichbar: Auch gegen die Finnen (derzeit 51.) waren die DFB-Kicker haushoher Favorit. Und so kommen die übertriebenen deutschen Lobeshymnen auf die angeblich "besser eingespielten Belgier", die sich abseits der WM schon vorbereiten konnten, nicht von ungefähr. Dass der Gegner außerdem "sehr kompakt steht und den modernen Fußball interpretiert", gehört inzwischen zum Standard-Repertoire der Nettigkeiten.
Vielleicht sind diese übertriebenen Komplimente am Ende überflüssig und die Befürchtungen unbegründet. Schließlich zeigt sich das Mannschaftsgebilde stabil wie seit langem nicht mehr, was auch damit zusammenhängt, dass der Leistungsgedanke an oberster Stelle steht. Das bekam auch Kapitän Michael Ballack zu spüren, der entgegen alter Sitte bekanntlich nur dann berücksichtigt wird, wenn er vollkommen fit ist und im Verein überzeugt. So gesehen hat die DFB-Elf derzeit auch keine zusätzliche, Effekt haschende Vision nötig. Für eine imageträchtige Kampagne bliebe bei erfolgreicher EM-Qualifikation ohnehin noch Zeit: Die Bergtour 2008 lässt grüßen.
Belgien: Bailly - Alderweireld, van Buyten, Kompany, Vermaelen - Verthongen, Simons - Hazard, Fellaini, Dembele - Lukaku
Deutschland: Neuer - Lahm, Mertesacker, Westermann, Jansen - Schweinsteiger, Khedira - Müller, Özil, Podolski - Klose
Schiedsrichter: Terje Hauge (Norwegen)